Ich - Ein Leben
Da sitzt so ein menschliches Wesen auf einem Stein und beobachtet die vorbeiziehenden Wolken. Und dafür braucht es nichts. Nicht einmal einen Namen und auch kein 'Ich'. Abertausende Jahre später ziehen noch immer die Wolken am Himmel vorbei und der Stein ist noch immer der Selbe. Aber er ist leer, denn das menschliche Wesen hat heute keine Zeit mehr vorbeiziehende Wolken zu beobachten. Es hat einen Namen und sein 'Ich'; ist jetzt gerade auf der Suche nach seiner Bestimmung. Und die findet man bekanntlich nicht indem man blöd auf Steinen herumsitzt.
Nach vielen Mühen und Entbehrungen und mit ein wenig Glück, wird es dann eines Tages seine Bestimmung gefunden haben. Es wird dann auf einem Stein sitzen und die vorbeiziehenden Wolken beobachten. Und 'Ich' wird vergessen, dass es einen Namen hat.
Bis dahin ist es aber noch ein langer Weg. Manchmal dauert er EINLEBEN lang.
Wir - Ein Umstand
Wenn für uns der Ernst des Lebens beginnt, hängt man uns einen leeren Rucksack um, den wir nun nach und nach mit unserer Geschichte befüllen werden. Diese wird von uns fälschlicherweise als 'unser Leben' bezeichnet. Doch sie ist lediglich unsere Lebensgeschichte und steht oft dem Leiden näher als dem Leben im eigentlichen Sinn. Mit dieser traurigen Geschichte identifizieren wir uns nur allzu gerne. Nicht, weil es so schön ist und Spaß macht, sondern weil's die anderen ja auch tun und man dadurch nicht mehr so alleine ist. Man lässt das gestörte Ich zurück und verschwindet im Wir. So findet man Schutz und Geborgenheit im kollektiven Wahnsinn. Dieser Unerträglichkeit werden wir im zweiten Teil meiner Vortragstrilogie auf den Grund gehen. Nicht auszuschließen, dass wir dabei wieder unserem evolutionären Begleiter, dem Neandertaler begegnen. Dieser hatte uns ja einiges voraus: Er hatte die Zeit. Wir haben nur mehr die Uhr ... und diese tickt schon lange nicht mehr richtig.
Ich - allein?
Diesmal wird es wirklich kompliziert. Nicht, dass jetzt die Worte des Vortragenden besonders schwer zu verstehen wären. Nein, nein. Das Wesentliche ist ja bekanntlich ganz einfach. Und um nun in gut zwei Stunden zu einem Ende zu kommen, muss sich der Vortragende auf das Wesentliche beschränken. Weil ja in unserer linearen Welt alles einen Anfang und ein Ende haben muss, und das gilt besonders für den dritten Teil einer Trilogie.
Was, wenn die Welt aber nicht linear ist und sich alles nur zu einem Kreis schließt? Dann wird's eben kompliziert. Denn dann trifft unsere 'Wirklichkeit' wieder einmal 'die Welt, wie sie ist'. Das Wissen trifft die Weisheit. Das Haben trifft das Sein. Unsere Lebensgeschichte trifft das Leben. Symptome treffen also endlich ihre Ursache und machen gemeinsame Sache. Behauptungen aus Vortrag zwei treffen auf Erkenntnisse aus Vortrag eins, und der moderne Mensch um uns trifft den Neandertaler in uns.
Oder glauben Sie wirklich, dass Sie allein sind? Ich nicht!